Der erste Brief war eine Pflichtaufgabe. Achte Klasse, Deutschunterricht, ein Austauschprojekt mit einer Schule vierhundert Kilometer entfernt. Jede Schülerin bekam einen Namen zugeteilt. Die meisten schrieben zweimal und hörten dann auf.

Diese beiden schrieben sich elf Jahre lang.

Warum es funktionierte

Beide sagen unabhängig voneinander dasselbe: Es habe funktioniert, weil sie sich nicht sahen. Ein Brief zwingt zur Auswahl. Man schreibt nicht auf, was man zum Frühstück hatte, sondern das, was in vier Wochen noch wichtig ist.

In einem Brief lügt man anders als am Telefon. Man lässt eher etwas weg, als dass man etwas erfindet. Und was übrig bleibt, stimmt meistens.

Aus den Briefen wurde mit den Jahren ein Archiv. Prüfungen, ein Umzug, der Tod eines Großvaters, ein abgebrochenes Studium, ein neuer Anfang. Zwei Leben, jeweils aus der Distanz betrachtet — und dadurch klarer beschrieben, als es aus der Nähe möglich gewesen wäre.

Der Anruf, der alles änderte

Im elften Jahr rief einer der beiden an. Es gab einen Anlass: eine schlechte Nachricht, die nicht vier Tage Postweg vertrug. Das Gespräch dauerte vierzig Minuten und war, wie beide sagen, „seltsam".

Nicht unangenehm. Aber die Stimme passte nicht zur Schrift. Das Tempo war ein anderes. Man unterbrach einander, was in Briefen unmöglich ist.

Danach schrieben sie noch zweimal. Dann hörte es auf, ohne Streit und ohne Erklärung. Beide beschreiben es rückblickend nicht als Bruch, sondern als Ende einer Form.

Was geblieben ist

Die Briefe liegen bei beiden noch. In einem Karton, in einer Schublade, ungeordnet. Gelesen hat sie seitdem keiner von beiden — nicht aus Bitterkeit, sondern weil es sich falsch anfühlen würde, sagt einer der beiden: „Das war ein Gespräch. Man liest ein Gespräch nicht nach."

Auf die Frage, ob sie sich heute treffen würden, kommt zweimal dieselbe Antwort. Nein. Und beide klingen dabei nicht traurig.