Es gab keinen Streit. Das ist der Teil, den alle zuerst hören wollen, und es ist der Teil, der die Geschichte eigentlich erklärt.
Zwei Wohnungen im dritten Stock, gegenüberliegende Türen, dreiundzwanzig Jahre lang. Ein Nicken im Treppenhaus. Einmal ein Paket angenommen. Sonst nichts.
Wie so etwas entsteht
Am Anfang war es Zurückhaltung. Beide zogen im selben Jahr ein, beide beschäftigt, beide der Meinung, der andere wolle seine Ruhe. Nach etwa zwei Jahren war das Nicht-Sprechen keine Entscheidung mehr, sondern ein Zustand.
Irgendwann ist es peinlich, jemanden zu fragen, wie er heißt, wenn man ihn seit sieben Jahren jeden Tag sieht.
Die Schwelle wächst mit der Zeit. Was im ersten Monat eine Nebensächlichkeit gewesen wäre, wird im achten Jahr zu einem Gespräch, das erklärt werden müsste.
Der Anlass
Im vergangenen Herbst fiel im Haus für zwei Tage die Heizung aus. Die Hausverwaltung war nicht erreichbar. Im Treppenhaus stand ein Zettel, auf dem jemand eine Nummer notiert hatte.
Sie klopfte, weil sie wissen wollte, ob er die Nummer schon angerufen hatte. Er hatte. Das Gespräch dauerte laut beiden „ungefähr eine Minute" und endete damit, dass er fragte, ob sie einen zweiten Heizlüfter brauche.
Was daraus wurde
Keine Freundschaft. Beide betonen das. Sie grüßen sich jetzt mit Namen, sprechen gelegentlich zwei Sätze über das Haus, haben einander Telefonnummern gegeben.
Sie sagt, sie habe sich hinterher geärgert. Nicht über ihn, sondern über die dreiundzwanzig Jahre. Er sagt, er ärgere sich nicht — es habe ja keinen Schaden gegeben.
Auf die Frage, ob sie sich gegenseitig fehlten in all den Jahren, antworten beide mit Nein. Auf die Frage, ob sie den Kontakt heute vermissen würden, antworten beide mit Ja.






